Ein fröhliches Miteinander

Also dann war es schließlich soweit: Nach 90 Minuten stand es 3:2 für Deutschland und die Türkei aus dem Turnier ausgeschieden. In letzter Minute dieses spannenden aber nicht hochgradigen Spiels schoss Phillipp Lahm die Deutschen in den Fußballhimmel – naja, zumindest eben ins Finale der Europameisterschaft, wo sich die Mannschaft von Joachim Löw allerdings gegen Russland oder Spanien ((die Entscheidung fällt morgen/heute [Donnerstag])) mehr einfallen lassen sollte. Da es allerdings weniger um das Spiel, als das danach gehen soll, hier nur der Verweis auf spreeblick, wo der Spielverlauf nochmal kurz und amüsant zusammengestellt wird.

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Viel mehr geht es um die ungeheuren Emotionen nach dem Spiel, bei dem man sich schon fast fragen kann, was denn Sonntag nach dem Sieg über Spanien (oder Russland) noch kommen soll. Und noch eins schwebte über der Veranstaltung: Wird es friedlich bleiben? Um es kurz zu machen: Es blieb friedlich. Lediglich 15 Festnahmen und 12 Strafanzeigen konnte die Polizei in Gelsenkirchen bis ein Uhr vermelden, darunter sechs Körperverletzungen. Vorher gab es bereits im Rahmen des Public Viewing einige Festnahmen – im übrigen in diesem Fall komplett deutsche Staatsbürger ((bei den 15 Festnahmen gibt es keine Angaben)). Also schon rein statistisch dürften die rechten Gruppierungen, die noch vor den Türken mit Messern “warnten” damit widerlegt sein. Im Gegenteil: Die einzigen überregional gemeldeten größeren Vorfälle finden sich in Dresden, wo Dönerbuden angegriffen wurden. Ein Schelm wer böses dabei denkt…

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Hier in Gelsenkirchen konnte man dagegen erleben, dass friedlich miteinander gefeiert wurde. Ob nun Menschen in Türkei-Trikots, die mit Deutschlandfahne auftauchten oder solche, die mit dem weißen Halbmond und Stern auf roten Grund an der Ringstraße/Hauptstraße feierten. Und dies bunt gemischt und eben gemeinsam. Autos wurden aufgehalten nicht nur mit einem kollektiven “Hinsetzen, Hinsetzen…”, sondern auch dem rhythmischen Rufen von “Deutschland – Türkiye – Deutschland – Türkiye”. Und auch wenn mehrheitlich die Farben schwarz-rot-gold den Platz beherrschte, wehte dazwischen völlig ungezwungen oft eine türkische Fahne im Wind.

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Ich würde sogar sagen, dass dieses Gemeinsame den Abend bedeutender gemacht hat, als das doch durchwachsene Spiel vorher. Zum einen zeigte es (wieder), dass das Schwenken der deutschen Fahne oder gar das Bemalen des Gesichtes in den Nationalfarben keineswegs mit einem Nationalismus gleichzusetzen ist oder den Rechten in die Arme spielt. Zum anderen zeigte der Abend aber eben auch, dass die türkischen Mitbürger sich – bei allen Problemen in der Integrationspolitik – integriert haben ohne eigene Identitäten aufzugeben und damit auch mitfeiern können, wenn die eigene Mannschaft gegen die deutsche verliert. Hätten wir dies andersherum auch gekonnt? Wieviele Deutsche wären wohl bei einem türkischen Sieg auf der Straße gewesen?

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Wenn es diese gegenseitige Toleranz und Anerkennung, die man heute sehen konnte, häufiger geben würde, wäre mancher Konflikt der letzten Zeit, mancher Streit über Moscheen und ähnlichem, überflüssig.

Zusammenfassend freue ich mich demnach gemeinsam mit unseren ausländischen Mitbürgern am kommenden Sonntag der deutschen Nationalmannschaft die Daumen zu drücken ((Spanier oder Russen mal ausgenommen :D )) und anschließend gemeinsam auf der Straße zu jubeln.

Fotos: Eigene unter CC Lizenzsiehe Flickr

Deutschland-Türkei

In ca. 1,5 Stunden beginnt das Halbfinale Deutschland gegen Türkei, welches ja sehr emotional aufgeladen ist. Auch wenn viele Seiten davon ausgehen, dass es friedlich bleibt und auch zu einem freundschaftlichen Miteinanderfeiern aufruft, glaube ich durchaus, dass es die ein oder anderen Scharmützel gibt. Nicht weil es Türken sind, sondern weil einfach zwei Mannschaften aufeinander treffen, die viele Fans im Land haben. Die meisten werden das Spiel sportlich sehen, womöglich enttäuscht über die Niederlage der eigenen Mannschaft sein, aber deshalb nicht gleich auf den feiernden Fan der anderen zugehen. Vielleicht sogar gratulieren und mitfeiern, wie es sich für gute Verlierer gehört. Allerdings gibt es auch immer einige, die – oft auch nach gutem Alkoholkonsum – ihrem Frust freien Raum lassen, sich durch das reine Feiern des anderen provoziert fühlen oder im Falle des Sieges diesen eben  provozieren.

Problematisch wird es, wenn dies dann für nationalistische Argumente genutzt wird, wie es die Rechten nun bereits tun. So warnen sie vor der hohen Wahrscheinlichkeit

“auf größere Gruppen aggressiver Türken zu treffen, die dann ihr Messer zücken und gewaltsam auf Deutsche losgehen”.

Sie werden sicher jeden einzelnen kleinen Fall köstlich ausnutzen, ich wage sogar, dass sie dies gerne provozieren, um dann wieder über “kriminelle Ausländer” herzuziehen.

Aber genug der Befürchtungen, wichtig ist doch die Vorfreude auf ein hoffendlich faires, spannendes und schönes Fußballspiel. Ich hoffe natürlich auf einen deutschen Sieg und den Einzug ins Finale gegen Spanien oder Russland am Sonntag (und schlussendlich auch die Meisterschaft). Aber ich glaube die Chance stehen trotz allen Überraschungssiegen der Türkei nicht so schlecht, wo doch dort bereits der Ersatz-Ersatzkeeper als Feldspieler aufs Feld muss. Und elf weitere Gründe für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft findet man im Tagesspiegel.

In diesem Sinne auf ein gutes Spiel heute abend und danach ein friedliches und zumindest teilweise gemeinsames Feiern des Finalisten – wer immer es auch sein mag.

Die Türken wieder…

Erstens “befürchte” ich grade, dass mein Blog ein wenig EM lastig wird, zweitens lassen mir die Türken aber keine andere Wahl: Was war dass den für ein verrücktes Spiel? 118 Minuten lang das schlechteste, was ich seit langem gesehen habe – zum einschlafen langweilig von einigen sehr wenigen Szenen abgesehen. Beide Mannschaften im Prinzip gleich schlecht und von daher hoffte ich darauf, dass nicht ein Glückstreffer das Spiel noch entscheidet. Und dann doch: In der 119 Minute bekommen die Türken einen Gegentreffer, die Sache scheint erschieden. Und noch während ich meinen Frust twittern will, machen die Türken das Unmögliche möglich. In der Nachspielzeit der Verlängerung fällt das 1:1. In zwei Minuten also zwei Tore. Kein schönes Spiel, aber für diese 2 Minuten hatte es sich gelohnt aufzubleiben. Der Rest ist dann Geschichte: Im Elfmeterschießen verschießen die Kroaten die entscheidenden Elfmeter und am kommenden Mittwoch heißt es demnach Deutschland – Türkei, wie ich es ja schon “angekündigt” hatte.

Wenn man die Siegesfeiern und Hupkonzerte nach den letzten Spielen gewöhnt ist, kommt einem ein solches Dorf wie Borken wie ein Friedhof vor: Ein einziges Auto konnte man hupend in der 40.000 Einwohner Stadt miterleben – freilich ohne Fahnen, aber immerhin in rot :D In Gelsenkirchen ist es sicherlich etwas lauter. Ich bin jedenfalls gespannt, wie das Spiel am Mittwoch ausgeht, aber noch mehr, wie es drumherum ausgeht. Natürlich hofft man auf ein friedliches Miteinander, aber leider gibt es ja auch immer einige, die das Ganze etwas zu ernst nehmen. Von daher steht Public Viewing auf der Kippe… Guckt ihr am Mittwoch anders als sonst?

Glückwunsch, Türkei!

Meine Güte, was muss das für ein Spiel gewesen sein. Türkei gegen Tschechien endete mit 3:2 und mitbekommen habe ich es nur Dank der neuen Medien. Ich saß währenddessen nämlich im Zug von Berlin nach Essen / Gelsenkirchen und konnte weder auf Radio zurückgreifen, noch Spiegel Liveticker und immer neuladen ist dann doch etwas blöd. So vertraute ich auf Twittermeldungen, um den Zwischenstand zu bekommen. Und das ging ja wohl Schlag-auf-Schlag. Bis zu 75 Minute führte Tschechien, und dann konnte ich kaum Umsteigen, da lag die Türkei dann in Führung. In der Bahn dann bei zwei Handytelefonaten dazu dann noch gehört, dass es auch so ausging (und von der roten Karte) und so ging es zufrieden nach Gelsenkirchen, wo bereits die Party tobte ;)

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Und ich freue mich mit unseren türkischen Mitbürgern. Ich glaube ein wenig ist das das was Multikulti eigentlich bedeutet, nämlich nicht ein stupides Nebeneinander her leben, sondern ein gegenseitiges Näherkommen, was sich bei mir dann eben in einem Mitfreuen und Mitzittern zeigte. Allerdings, liebe türkischen Freunde: Feiert schön und last euch von 254 Anrufen beim letzten Mal nicht beeindrucken, das ist eher traurig – es sei denn es wären bei Deutschlandspielen genauso viele, obwohl… nein auch dann wäre es traurig ;) Aber eins sei dann doch bei aller Mitfreude gesagt: Spätestens im Halbfinale ist leider Schluss für die Türkei – ihr dürft dann aber natürlich gerne mit den Deutschen den Einzug ins Finale feiern :D

Irgendwann wird Untersuchung zur Strafe

Er sitzt weiterhin in Haft: Der Fall des 17 jährigen Marco in der Türkei wird mehr und mehr zu einer Farce. Wie lange dort schon gebraucht wurde um eine Videoaussage aus Großbritannien in die Türkei zu bringen war schon merkwürdig genug und nun bekommt man sie nicht übersetzt. Wenn man es gut meint, würde man hier größte Schlampigkeit vorwerfen, ansonsten kommt einem Willkür und Böswilligkeit in den Sinn. Denn sieben Monate Untersuchungshaft, wobei das Verfahren noch nicht richtig begonnen hat, wirkt eher nach Strafe. Fluchtgefahr ist sowieso etwas seltsam, wo das Bild von Marco W. sicherlich in jedem Medium der Türkei auftaucht. Von daher kann ich hier nur hoffen, dass die Klage der Anwälte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Erfolg haben wird, denn unmenschlich ist ein so langes Einsperren eines unschuldigen Menschen sicherlich – und das ist er bekanntlich bis zu seiner Verurteilung.

Der vergessene Deutsche

In den letzten Tagen überschlagen sich die Medien mit Berichten über den 17 Jährigen Marco W., der in der Türkei nach einem Urlaubsflirt oder mehr nun im Gefängnis sitzt. Ich will garnicht in die Diskussion einsteigen, ob er sich an dem 13 jährigen Mädchen vergangen hat oder nicht, ob sie sich als 15 ausgegeben hat oder ob er nur ein großes Opfer ist, das müssen andere Stellen klären und die Medien berichten schon mehr als genug – eher zuviel – über diesen Fall. Nur soviel, dass der Fall auch in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden würde. Nein, es geht mir auch nicht darum, die durchaus kritischen Haftbedingungen zu kritisieren, unter denen er – und im übrigen auch viele, viele Türken – zu leiden hat. Auch die schon sehr lange Untersuchungshaft wurde von anderen Stellen mehr aus ausführlich kritisiert. Ich finde nur mehr als seltsam, wie die Politik nun plötzlich emsig und auf allen Ebenen für den jungen Deutschen eintritt, aber ein anderer schwerwiegenderer Fall seit Jahren ignoriert wird… Continue reading

Eurovision Song Contest

euovisionsongcontest2007.jpgHeute abend fand zum 52ten mal der Eurovision Song Contest statt, früher bekannt als Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne . Im Rahmen einer nachgeholten Geburtstagsfeier wurde das Ganze im Freundeskreis geguckt – ein wenig dabei an frühere Zeiten angedockt, als man spät abends noch die spannenden Punktevergaben abgwartet hatte. Leider hat sich viel verändert: Bekanntlich werden erst ab 8 Punkten die letzten drei eines Landes vergeben – Spannung geht verloren, denn selbst Germany 4 Points war einfach spannend. Das dauerte, aber so war jedes Land und jeder verteilte Punkt sehr viel spannender als dieser Schnelldurchlauf mit 3 Punktevergaben. Continue reading