Einige Worte zu #occupyberlin und Twitter

Ich war heute abend dabei für meine Diplomarbeit einige Twitter-Accounts für unseren Abschnitt zu “echo chambers” zu prüfen, als bei einem Account Meldungen über die Räumung in Berlin auftauchten. Kurze Zusammenfassung: Ca. 200 Leute hatten die Wiese vor der Bundestag besetzt, Zelte aufgebaut und es sich gemütlich gemacht und um Mitternacht sollte der Platz geräumt werden.

Ich ärgere mich schon ein wenig, dass ich die Proteste nicht miterleben konnte und unterstütze diese inhaltlich. Ich teile auch die Bedenken einer Räumung und kann den Sinn dahinter auch nicht wirklich verstehen. Ich meine, ist es wirklich entscheidend, ob die Leute heute nacht da rumsitzen und frieren oder nicht? Ka4015 hat dies in einem Artikel ebenfalls kritisiert und die Frage nach den Erfahrungen mit Castor-Transporten und Stuttgart 21 aufgeworfen, ob eine Demokratie das nicht erdulden sollte:

Ein demokratischer Staat sollte meines Erachtens nicht Demonstranten wegtragen, wegspritzen und wegknüppeln, die, egal wie gut sie Ihren Protest organisieren, nichts an dem Protestgegenstand ausrichten werden. Ein Staat hat mehrere Tage oder Wochen Zeit, ein Staat hat Beamte und kann diese im Schichtdienst austauschen. Ein Demonstrant hat diese Zeit nicht. Ein Demonstrant bekommt aber durch die Anwendung von (Staats-)Gewalt sehr schnell das Potenzial, noch mehr für seine Demo zu mobilisieren.

Letzteres wird sich morgen wohl bewahrheiten. Ich will jetzt auch nicht die Diskussion breittreten, dass Polizisten natürlich auch im Schichtdienst nicht dauerhaft mit Demos gebunden sein können – dafür ist die Personaldeke wohl etwas eng. Aber sei es drum. Ich deine schon, dass eine Demokratie eine Nutzung des öffentlichen Raums durch Demonstranten auch erdulden muss. Und das gilt auch für die Wiese vor dem Bundestag. Eine Bannmeile um den Bundestag gibt es nicht mehr und zumindest bis Montag dürfte man dort ja auch nicht in der politischen Arbeit stören, wenn da 200 Leute campen. Genau das ist ja auch Hintergrund der Aktion und in anderen Städten ist bis zum 19. Oktober in der Regel diese Aktionsform geduldet.

Von der Räumung selber war nichts in den allgemeinen Medien zu sehen, ein Livestream funktionierte nicht und so war Twitter ein Hauptmedium. Und dann ging es ganz schnell mit Fehlinformationen: Das Netz sei von der Polizei ausgeschaltet, der Kameramann des Livestreams verhaftet und sogar 5 Tote wurden ernsthaft behauptet. Wer weiß, was sonst noch alles da lief. Das einzige was man bei Twitter gefunden hat sind Verschwörungstheorien. Ne halbe Stunde später war alles vorbei. Ohne Tote, Netz gab es auch die ganze Zeit und der Livestream klappte auch wieder. Selbst der Einsatz war offensichtlich nicht so brutal wie dargestellt.

Klar, man kann immer über Verhältnismäßigkeiten streiten und bestimmt gab es Leute, die sich beim wegtragen lassen weh getan haben – aber so ist das eben, wenn man sich wegtragen lässt. Ich kann wie gesagt sogar die Wut darüber verstehen, wenn man nicht versteht, wieso diese Polizeiaktion stattfindet. Das ist mehr als berechtigt und ich finde auch gut, dass man sich davon nicht ins Bockshorn jagen lässt und morgen um 15 Uhr wieder demonstrieren will vor dem Reichtstag. Ob das klappt ist eine andere Frage, aber das muss die Demokratie aushalten.

Was gar nicht ging, war es diese deswegen für tot zu erklären oder gar die Bundesregierung mit der früheren ägyptischen Diktatur gleichzusetzen. Hier wurde ein Platz geräumt, wie es momentan aussieht auch ohne schwere Verletzungen und brutalem Polizeieinsatz, und das kommt in keinster Weise an das Risiko und das Vorgehen in Ägypten ran. Dort sind 365 Menschen dafür gestorben Demokratie zu erleben, tausende wurden verletzt. In diesem Land waren heute 40.000 Menschen auf der Straße und viele werden in den nächsten Tagen auf öffentlichen Plätzen schlafen. Das hätte man in Berlin auch machen können und die Berliner Polizei ist durchaus berüchtigt, aber es bringt dem Protest auch nichts ihn zu skandalisieren und ihn mit dem Freiheitskampf in der arabischen Welt oder der Wende 1989 gleich zu setzen. Davon ist das meilenweit entfernt.

Mit dieser angeblichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit die dort stattgefunden haben sollen, hat Twitter sich leider selber etwas diskreditiert in dem Fall und zeigt, dass man in solchen Fällen erstmal ruhig bleiben sollte. Es gibt momentan – unr irgendwo schon länger – das Gefühl verfolgt zu werden und so entstehen dann Verschwörungstheorien. Also locker bleiben und nicht gleich von den gleichgeschalteten Medien reden und davon reden, dass die Demokratie damit beendet ist, dass eine Wiese mitten zwischen zwei politischen Hotspots Deutschlands geräumt wird, während ansonsten in diesem Lande problemlose Camps stattfinden. Skandalisierung bringt nur etwas, wenn es einen Skandal gibt.

Und kurz zu den Medien: Ich habe meine Kritik zur mangelnden Berichterstattung bei der Revolution in Ägypten geäußert, aber man sollte eben auch hier aufpassen, dass in Berlin nicht zu hoch zu hängen. Es war eine Aktion von einer halben Stunde, eben ohne größere Probleme bei einer Menge von 200 Menschen. Sollen ARD, ZDF und Co überall in Deutschland 24 Stunden auch solche Camps begleiten, weil vielleicht irgendwas passiert? Offenbar war Reuters vor Ort und in der Welt findet man auch Fotos, also waren auch “Qualitätsmedien” vor Ort und wäre mehr gewesen, als eine Verlagerung von Menschen, würde wohl sicherlich mehr berichtet werden, als beispielsweise dieser überschaubare Artikel in der TAZ.

Also: Weiter demonstrieren, die Inhalte skandaliseren, aber nicht immer mit der Opfermentalität durchs Leben gehen und mit ruhigen Kopf an solche Dinge angehen. Und Bürgerjournalismus kann auch nur dann funktionieren, wenn er den Bereich des Journalismus berücksichtigt. Fehlinformationen über Stunden hinweg, ungeprüfte Gerüchte und Skandalisierung wo keine ist, schädigen am Ende nur die wahren Informationen und damit die berechtigten Interessen der Demonstranten.

Kik – Günstig ist zu teuer

Am Mittwoch lief in der ARD eine sehr gute Reportage über den Textildiscounter Kik. Es ist ein Beispiel für guten investigativen Journalismus, den man im Fernsehen leider viel zu selten sieht. Und gleichzeitig zeigt der Bericht eben, dass günstige Preise auch immer ihre Kosten haben, wenn der Verbraucher nicht zahlen muss, dann eben die Angestellten oder Menschen in Entwicklungsländern. Also nehmt euch die 30 Minuten und guckt die Doku:

Fundamentalismus mal anders

Wer an einen Fundamentalisten denkt, sieht im ersten Moment vielleicht einen dunkelhäutigeren Mann mit etwas längerem Vollbart in weißer Kleidung und Turban – gerne auch mit Kalaschnikow in der Hand. Fundamentalisten gibt es eben vor allem im Islam, denkt man zumindest. Dass auch das Christentum seine fundamentalistischen “Flügel” hat, wird spätestens jetzt deutlich, als zwei junge Journalisten der Schülerzeitung “Q-Rage” über das christliche Festival “Christival” berichteten – offensichtlich zu kritisch.

In dem Artikel für die bundesweit vertriebene Zeitung berichteten die beiden Autoren von dem Event, bei dem neben viel Musik wohl auch Missionierung in Bus und Bahn oder an Haustüren vorgenommen wird oder von den kritischen Workshops der Veranstaltung: “Homosexuelle verstehen – Chance zur Veränderung”, bei der “Wege heraus aus den homosexuellen Empfindungen” gezeigt werden sollten oder der Abtreibungskurs “Sex ist Gottes Idee – Abtreibung auch?”, der selbst von Pro Familia kritisiert wurde. Und Leonie, deren Weg zu den Evangelikalen zu Beginn dargestellt wird, wird am Ende damit wiedergegeben, dass sie zunächst die Juden missionieren will, Homosexualität für eine Krankheit und Abtreibung für ein Verbrechen hält. Kernsatz der Kritik ist aber wohl die Aussage:

“Die erzkonservativen, zum Teil verfassungsfeindlichen Ideologien werden da fast nebenbei [neben dem Gemeinschaftsgefühl] vermittelt.”

Wer will findet die Ausgabe als PDF Version bei Spiegel Online. Naja, also ein Beispiel für tiefgrabenden Journalismus mag der Artikel wirklich nicht sein, aber das ist angesichts des Platzes, der Zielgruppe und den Autoren vielleicht auch ganicht das Ziel. Stefan Niggemeier hat sicherlich recht, wenn er den Artikel als “harmlos” und “pointiert” bezeichnet.

Hinzu kommt noch, dass diese Zeitung im Rahmen des Projekts “Schule ohne Rassismus” auch von der “Bundeszentrale für politische Bildung” unterstützt wird. Mit einem Empfehlungsschreiben für diese Zeitung, die wie gesagt bundesweit vertrieben wurde, schreibt der Präsident der Bundeszentrale Thomas Krüger:

„In der Zeitung finden sich interessante Informationen, wie islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte in Frage stellen, Jugendliche umwerben.“

Für einige Gruppen – unter anderem die “Deutsche Evangelische Allianz” – bedeuten die obenstehenden Zeilen des Artikel und das Empfehlungsschreiben jedoch eine “Rufschädigung”:

“Krüger rücke Evangelikale ohne Begründung in die Nähe von Verfassungsfeinden. (…) Eine Gleichsetzung der evangelikalen Bewegung mit dem christlichen Fundamentalismus sei unangemessen und nicht zutreffend.”

Nun muss man ja, einfach mal fragen, wie man Fundamentalismus definiert. Mein Politiklexikon hat eine mehrseitige Definition geliefert, die sicherlich den Rahmen sprengen würde, darum greifen wir jetzt einfach mal auf Mayers Lexikon zurück:

“Allgemein bezeichnet der Begriff »Fundamentalismus« das kompromisslose Beharren auf politischen, ideologischen oder religiösen Grundsätzen, das sich jeglichem Dialog in der Sache verweigert.”

So und die Evangelikale Allianz sagt zu sich selbst:

“(…) Sie steht unverkürzt zu den Heilstatsachen der Bibel und bekennt sich zur ganzen Bibel als Gottes Wort, ohne sich an eine bestimmte Inspirationslehre zu binden.”

Also wer die Bibel nicht interpretiert, sondern 1:1 übernimmt, könnte als fundamentalistisch gesehen werden. Aber sei es drum. Ich erweitere die Definition von Fundamentalist ein wenig. In meinem Fremdwörterbuch steht nämlich dafür “Verteidigen einer Glaubensrichtung”, was etwas offensiver ausgerichtet ist.

Anders gesagt: Mir ist es egal, ob jemand die Bibel Wort für Wort übernimmt, das bleibt jedem selbst überlassen und ist Kennzeichen der Demokratie und Glaubensfreiheit in Deutschland. Sobald aber daraus eine Handlung nach Außen wird, wie geschildertes Missionieren oder in Bezug auf die Gesetzgebung, wird schnell ein Fundamentalismus daraus. Und ganz ehrlich: Wenn man dann noch gegen kritische Meinungsäußerungen vorgeht, wird es knapp damit, dass man die Toleranz gegen andere Ansichten auch einhält, die man offensichtlich selbst einfordert.

Und spätestens dann kommt auch die Verfassungsfrage dazu: Ja, ich finde es menschenunwürdig, Homosexuelle als Krank anzusehen und auch Juden als erstes Missionieren zu wollen, weil es die Identität dieser Personen als unwürdig darstellt und nicht ernst nimmt – im übrigen anders als eine ablehnende Position zur Abtreibung.

Von daher finde ich es auch übereilt, dass die Politik nun mit entsprechenden Vorwürfen oder Distanzierungen reagiert, anstatt den beiden Jugendlichen den Rücken zu stärken. Mit den Vorwürfen wird so reagiert, als gäbe es keine fundamentalistischen Tendenzen im Christentum. Aber klar, soetwas gibt es nur im Islam und wenn sich von denen jemand beschwert, dann kann man die Pressefreiheit auch mal hochhalten. Fundamentalismus mag sich auf verschiedenen Wegen zeigen und sicherlich hat man weltweit größere Probleme mit islamistischen Terror, als mit christlichen Fundamentalisten, aber dennoch sollte man den Alleinstellungsanspruch einiger Christen und deren Weltvorstellungen durchaus kritisieren dürfen und auch als das titulieren dürfen was sie sind: Fundamentalistisch und verfassungsproblematisch.

Siehe auch Telepolis oder TAZ

Interview mal umgekehrt

Wer die WAZ in Gelsenkirchen kennt, kennt Lars-Oliver Christoph – zumindest dessen Kürzel “loc” dürfte einem nach 14 Jahren Lokalredaktion doch begegnet sein. In der Politik ist er jedenfalls bekannt wie ein bunter Hund – mal ärgert man sich ((vielleicht auch, weil er den wunden Punkt getroffen hat :D )) und mal freut man sich – so ist das mit den Medien. Gefreut habe ich mich, als ich über Dennis folgendes Interview mit eben diesem Journalisten gefunden habe, welches von Gelsenkirchener Geschichten geführt wurde.

Das Interview dauert 45 Minuten, aber wer mehr über “loc” wissen möchte oder auch die Praxis journalistischen Arbeitens wissen will, sollte es nicht verpassen. Im übrigen auch mit interessanten Aussagen zur Schließung der Burschen Zeitung oder dem Verhältnis von Zeitungen und neuen Medien.