Infoabend zu attac

Heute abend war ja die Infoveranstaltung zu attac in Gelsenkirchen, von der ich berichtet hatte. Schwerpunkt lag klar bei der Darstellung von attac als Organisation, über die Ziele und vor allem die Stuktur der Organisation. Ich will jetzt die Inhalte nicht alle wiedergeben, wer sich grundsätzlich interessiert fühlt, kann dies bei attac selber glaube ich besser nachlesen. Kurz gesagt ist attac aber eine globalisierungskritische Bewegung, die aus dem Streben für die Tobinsteuer [1] entstanden ist. In drei Punkten drückt attac dies in der attac-Erklärung wie folgt aus:

  • Attac will als Teil der außerparlamentarischen Bewegung einen Beitrag für eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft leisten.
  • Attac streitet für eine neue Weltwirtschaftsordnung, in der der Reichtum der Welt gerecht verteilt und ökologisch genutzt wird.
  • Attac ist Bestandteil der Antikriegs- und Friedensbewegung, denn eine gerechte Welt ist ohne Frieden nicht möglich.

Direkt darunter folgen dann konkrete Forderungen, guckt es euch am besten mal an.

Ansonsten ging es eben stark um Strukturen, die von drei Prinzipien geleitet werden: Pluralismus, Autonomie und Konsens. Pluralismus steht eben für die Akzeptanz verschiedener Meinungen und Hintergründe -nur für ” Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus und verwandte Ideologien gibt es keinen Platz”[2] bei attac. Autonomie ist steht für die einzelnen Gruppierungen, Aktionsgruppen oder Regionalverbände, die in ihrem Handeln völlig frei sind und nicht kontrolliert werden. So sind sogar verschiedene Positionen in attac möglich. Bei Streitigkeiten gilt ein Konsensprinzip. So können bei Abstimmungen neben dem bekannten “JA” auch verschiedene Formen des “Neins” abgegeben werden. Ein Nein widerspricht zwar dem Antrag, aber wenn er eine Mehrheit findet, ist dies auch kein Weltuntergang. Man kann aber auch mit einem Veto Einspruch einlegen und wenn dies mindestens 10% der Teilnehmenden machen, wird nochmal verhandelt – in der Regel wohl sehr erfolgreich.

Die Gründung fand heute aber noch nicht statt. Zunächst wollte man die Informationen etwas sacken lassen und bei einem weiteren Treffen am 20. Juni (19 Uhr,  Alfred-Zingler-Haus, Margaretenhof 10-12, 45888 Gelsenkirchen) dann vielleicht auch mit weiteren Interessierten die konkreten Schritte zur Gründung einer Ortsgruppe anzugehen.

Warum Grass unrecht hat…

Bild mit Günther Grass un den Flaggen von Israel und dem IranEs ist so viel in den letzten Tagen über Günther Grass geschrieben worden – Grund genug, dass ich meinen Senf auch noch dazu gebe :) Vielleicht zunächst zur Antisemitismusfrage. Ich halte ihn nicht für einen Antisemiten und das Einreiseverbot nach Israel für überzogen. Dennoch muss man schon in der Grundlage seines Gedichtes eine Aussage kritisieren: Die Aussage, dass Kritik an Israel verboten sei und er nun der Mutige sei, der dies endlich ausspreche. Kritik an israelischen Siedlungswesen und auch U-Boot Verkäufen gab es vorher schon zuhauf. Sich hier als Märtyrer im Vorfeld hinzustellen ist eigentlich schon der Ruf danach so abgestempel zu werden, bedient es sich doch irgendwie dem Motto, dass Juden jede Kritik an dem israelischen Staat gleich Dämonisieren und damit nicht weit von der Verschwörungstheorie einer jüdischen Weltherrschaft entfernt. Gut, aber ich will Grass nicht unterstellen, soetwas zu meinen.

Im Kern ging es ihm ja um etwas gutes – den Frieden. Das Problem und meines Erachtens das wahre Grundproblem des Artikels: Israel ist nicht die Ursache. Seit mehreren Jahren verstößt der Iran gegen geltendes Recht und was noch entscheidender ist, er poltert gegen Israel. An der Spitze des Irans steht jemand, der ganz offen davon spricht, Israel von der Landkarte zu fegen:

“Kann eine [gemeinsame] Front es dulden, wenn in ihrer Mitte eine fremde Macht entsteht? Dies wäre eine Niederlage und wer immer die Existenz dieses Regimes anerkennt, erkennt in Wirklichkeit die Niederlage der islamischen Welt an. [...] Ich zweifle nicht daran, dass die neue Welle, die im geliebten Palästina begonnen hat, sich in der gesamten islamischen Welt ausbreiten wird. Es handelt sich um eine Bewegung, die als Welle der Moral sehr bald den Schandfleck [Israel] aus der Mitte der islamischen Welt beseitigen wird – und das ist machbar.”

Also ganz neben der juristischen Frage, auf die ich gleich am Rande nochmal eingehen werde, gibt es verständlich ein großes Gefühl der Unsicherheit. Und da behauptet Grass die israelischen Atomwaffen wären das Problem für den Weltfrieden? Der Israel hat diese – nach offenem Geheimnis – seit den 60er Jahren und nicht damit gedroht andere Staaten von der Landkarte zu tilgen. Die Kriege des Landes waren konventionell, auch wenn man – natürlich zurecht – über den ein oder anderen streiten kann.

Aber ist es nicht fair, wenn beide Staaten die Bombe haben? Im Kalten Krieg hatte es doch auch geklappt. Nein. Zum einen weil ich mehr davon halte die Waffen abzuschaffen, anstatt sie zu verbreiten und vor allem würde dies die Lage im Nahen Osten kaum stabilisieren – das Gegenteil ist der Fall. Mal ganz abgesehen davon, dass bei dem kleinen Küstenstreifen Israel eine geschickt gezündete Bombe wirklich ausreichen dürfte, um das Land zu entvölkern, wwährend der Iran fast 3x soviele Menschen auf einer fast 70fach so großen Fläche hat. Vor allem würde eine schiitische Bombe auch Befürchtungen bei den sunnitischen Staaten drumherum auslösen und womöglich zu einem Wettrüsten in der Region Sorgen sorgen. Juhu! Noch mehr Atombomben bedeuten ja auch mehr Frieden nach dieser Logik. Ich halte es für ein Pulverfass, nicht nur wegen terroristischen Bedrohungen, sondern weil man nie weiß, wann vielleicht noch jemand den Knopf drückt.

Bleiben wir aber bei Israel: Es ist unsicher wovon man bei einem militärischen Schlag ausgehen könnte. Wahrscheinlich wäre es ein gezielter Anschlag auf Forschungsanlagen. Ich halte das für keine richtige Option und die Auswirkungen sind unabsehbar. Ich gehe aber auch davon aus, dass Israel sich der Risiken im Bezug auf Terrorimus im günstigsten und wirklichem Krieg im schlimmsten Fall bewusst ist und nicht leichtfertig mal eben losschlägt. Wie gesagt, ich will aber auch nicht dafür sprechen, nur mal eine andere Sichtweise aufzeigen. Israel lebt in ständiger Bedrohungen von Raketen: 2011 wurden 680 Raketen und Granaten auf das Land abgeschossen – pro Tag also fast 2 Stück statistisch gesehen. Und die Vorwarnzeit? 15 Sekunden. Und dann hockt in der Nähe ein Staat, der nicht nur diese Raketenschützen militärisch unterstützt und das Existenzrecht Israels ganz offen angreift, sondern auch noch an Atomwaffen bastelt, um dies dann vielleicht in die Tat umzusetzen? Was soll man da machen?

Es ist der Iran, der die Regeln verletzt und damit den Weltfrieden verletzt. Er hat – anders als Israel – den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet und sich damit zu Inspektionen verpflichtet. Man mag – und kann – Israel dafür kritisieren nicht beigetreten zu sein – wie Indien und Pakistan seinerzeit auch, aber das war immerhin ehrlich. Wer sich zu nichts verpflichtet, muss sich auch an nichts halten. Das ist beim Iran eben anders und auch keine Doppelmoral.

Und wenn Grass dann fordert, 

“daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird”

ist daran ja nicht viel auszusetzen – jedes Jahr beschließen die Vereinten Nationen per Akklamation (also ohne Abstimmung) eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten. Aber mal abgesehen von der Tatsache, dass Israel es nicht muss und es durchaus glaubwürdige Schätzungen von 200 Sprengköpfen ausgeht und man sich fragen sollte, was Inspektionen da noch sollen, ist es doch eher ein peinliches vorgehen. Anstatt Kritik an dem wahren Übeltäter zu üben, einem diktatorischen und menschenrechtsverletzenden System, wendet man sich an den “heuchlerischen Westen”, an Israel, welches die einzige Demokratie der Region darstellt. Und dies wird dann als “Verursacher der erkennbaren Gefahr” dargestellt, dem man zum “Verzicht auf Gewalt auffordern” soll. Gehts noch?

Es ist die Machtlosigkeit, die sich in diesem Gedicht wiederspiegelt. Grass läuft damit in die Provokationsfalle, wie man an der Reaktion im Iran ja sehen kann. Der Iran provoziert, indem er Regeln bricht und gegen den Iran poltert, man geht mit politischen Mitteln mehr oder weniger erfolgreich dagegen vor, und Israel macht deutlich, dass es eine iranische Bombe nicht dulden werde und schwupps…Israel ist der Böse. Aber ich hatte ja schonmal beklagt, dass es immer erst dann wichtig wird, wenn Israel reagiert.

Günter Grass hat Unrecht, weil er einseitig ist und Israel die Schuld zuschiebt. Und weil er keine Lösungen hat und tut als wäre alles so einfach. Was würde sich ändern, wenn Israel sagt man greift unter keinen Umständen an und internationale Inspektionen zulassen würde? Würde der Iran Israel dann sein Existenzrecht zugestehen und sich an die vertraglichen Bedingungen des Atomwaffensperrvertrages halten, die Produktion offenlegen und auf die Bombe verzichten? Irgendwie zweifle ich daran.

Foto: Eigene Montage mit Günther Grass Bild unter CC-Lizenz von Florian K.

Umsturz in Ägypten – Über Mehrheiten, Legitimation und ein Bauchgefühl

Gerade lief bei Al Jazeera – der trotz des Rauswurfs durch ägyptische Behörden noch immer gute Berichterstattung liefert – ein Telefoninterview mit einem Mitglied der regierenden NDP. Einer der Kernsätze war, dass es Millionen Ägypter gäbe, die Mubarak als Präsident unterstützen. Auf die Frage, wo diese denn seien, kam erstmal nichts (was aber womöglich an der Verbindung liegen könnte) und dann der Hinweis, dass diese einfach nicht demonstrieren würden. Also die angeblich schweigende Mehrheit wieder mal. Sie wird oft herausgeholt, wenn eine große Menge gegen einen steht, aber eben nicht alle. So diskreditiert man die Demonstranten also als eine kleine Minderheit.

Ebenso wie sein Kollege gestern bezog er sich dann auf die Wahl von Mubarak und das er bis zur nächsten Wahl legitimiert sei. Formell mag das richtig sein, aber in Ägypten wird nicht nur der Präsident abgelehnt, sondern das gesamte Regime, was damit auch die Wahlen einschließt. Alle Wahlen in Ägypten waren von Protesten und Boykottaufrufen begleitet, die zeigen, dass das Wahlsystem nie respektiert wurde. Und nun kann man nicht die Legitimation für ein illegitimes Wahlsystem einfordern und damit einen unbeliebten Präsidenten stützen.

Nach den Ereignissen der letzten Tage habe ich aber den Eindruck, dass man genau dies mehr oder weniger versucht. Das Militär auf den Straßen ist “neutral” wird gesagt und schützt nur wichtige Gebäude. Aus dem Bauch raus würde ich sagen man probiert aus, wie lange der aktuelle Status quo hält. Den Menschen wird ihr Recht auf Demonstrationen zugestanden, weil man eh nicht dagegen ankommt, dazu etwas Symbolpolitik und man guckt ob der Protest bei Beginn der Arbeitswoche nicht abflaut.

Der Angriff gegen Al Jazeera und die Präsenz von Militärhubschraubern und –flugzeugen über Kairo vermitteln zwar auch ein Bild der Einschüchterung, aber irgendwie bezweifle ich (noch), dass Mubarak das Risiko eingeht das Militär gegen die Bevölkerung einzusetzen. Dies würde dann entweder schockierende Bilder in die Welt schicken und den Ruf und Beziehungen des Landes ruinieren. Alternativ würde das Militär sich vielleicht wirklich nicht gegen die eigene Bevölkerung stellen und damit dann auf diese Weise das Ende des Regimes von Mubarak herbeiführen bzw. es im schlimmsten Fall zu einem Bürgerkrieg kommen. Davon wollen wir mal nicht ausgehen und ich halte es wie gesagt auch für ziemlich unwahrscheinlich.

Die Krise zieht sich schon über das ganze Wochenende hin und ich schrieb Freitag schon, dass es spannend wird. Das es sich so lange hinzieht, hatte ich da nicht erwartet und weiß nicht, ob man froh oder enttäuscht drüber sein muss. Die Frage der nächsten Tage wird sein, wie sich die öffentliche Sicherheit entwickelt und wie das Regime damit umgeht und ob es der Opposition gelingt mit der Armee und anderen Gruppen einen Regierungswechsel auszuhandeln.

Beobachten kann man es weiterhin bei Al Jazeera und CNN, die deutsche Berichterstattung ist noch immer dürftig (siehe auch meine Medienkritik). Hinweisen möchte ich am Ende noch auf Richard Gutjahr hinweisen, der sich nun nach Kairo “durchschlagen” und von dort berichten wird. Ich bin gespannt auf seine Berichte und wünsche ihm viel Erfolg bei seinem Unternehmen.

Die Rede von Mubarak

Ach… doch noch was zu der Rede. Je mehr man drüber nachdenkt und sieht, umso mehr fragt man sich, ob der Mann noch irgendeine Verbindung zu “seinem” Volk hat?

Die Menschen schreien, dass er gehen soll – und er entlässt nur die Regierung.

Nach 30 Jahren an der Regierung erklärt er den Menschen, dass er die Probleme von diesen kenne und tagtäglich an diesen arbeite. – Ich denke mal, dass die Menschen gerade darum auf der Straße sind, weil er dabei nicht so erfolgreich war.

Er erklärt, dass diese Proteste nur wegen der Freiheiten möglich seien. – Sollen die Menschen nun dankbar für die Grundrechte der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sein? Mal abgesehen davon: Die Menschen haben sich diese Rechte genommen, was man an den Ausschreitungen sieht oder daran, dass die Ausgangssperre ihre Wirkung nicht entfalten konnte. Mubarak hat den Menschen die Rechte nicht gegeben, er tut jetzt nur so. Achja: Und war da nicht noch ne Internetsperre und Sperre von anderen Kommunikationsmitteln? Freiheit ist offensichtlich Auslegungssache.

Ich denke mit seiner Rede hat Mubarak die Protesten eher vor den Kopf gestoßen, als eine Lösung herbei zu führen. Er hält an einem Posten fest, denn das Volk ihm nicht zugesteht.

Die Frage bleibt, wie es weitergeht: Ich gehe nicht davon aus, dass der Protest abnimmt. Die Frage ist nur, wie Mubarak reagiert. Seine Aussage, dass die Grenze zwischen “Chaos” und Freiheit sehr gering sei und die heutigen Proteste Ergebnis der gewährten Freiheit sind, könnte darauf hindeuten, dass irgendwann ein “jetzt ist aber auch mal gut” kommt und stärker gegen Demonstranten vorgegangen wird. Es wird ein spannendes Wochenende. 

Medienkritik zum Aufstand in Ägypten

Man weiss noch nicht genau, wie der Aufstand in Ägypten ausgehen wird. Mubarak hat gerade seine Rede gehalten und begegnet die Forderungen nach seinem Rücktritt mit einem Entlassen der Regierung und dem Hinweis, dass er sich über die Probleme in dem Land bewusst sei. Naja, darüber schreibe ich morgen wohl nochmal, aber ich bezweifle, dass die Menschen jetzt nach Hause gehen und sich denken, dass ja jetzt alles gut sei. Von daher wird es noch eine lange Nacht und spannende Tage und bisher gibt es für mich nur einen “Sieger” dieses Konfliktes: Al Jazeera, den arabischen Sender bzw. dessem englischen Ableger.

Wer sich live über die Ereignisse informieren wollte, kam an dem Sender nicht vorbei. In Deutschland haben wir eh nichts anzubieten, aber dazu komme ich noch. Damit lief im Büro dann CNN und als Webstream eben Al Jazeera mit aktuelleren Bildern aus Kairo. Der Sender hat gute Arbeit geleistet und neutral berichtet, so dass man den Sender durchaus mit CNN gleichsetzen kann. Ich habe sogar eher dem Stream gelauscht, als dem Fernseher.

Was heute aber vor allem aufgefallen ist, ist die miese Medienlandschaft in Deutschland. Die beiden privaten Nachrichtensender N-TV und N24 bringen alles – nur keine Nachrichten. Während sich die Lage in Ägypten zuspitze brachten diese belanglose Dokumentationen. Und was dann besonders nervt: Wenn eine Krake sich während der WM für eine Kiste mit Spanischer oder Deutscher Fahne entscheidet, sind die Sender live dabei. Ewigkeiten wird eine Tür gezeigt, wenn ein Wettermensch aus dem Gefängnis kommt. Aber wenn in einem Land Menschen für ihre Freiheit auf die Straße gehen und damit große Risiken eingehen, dann zeigt man lieber eine Dokumentation über das Bewegen einer Brücke. Ich weiß nicht, ob bei N24 doch nochmal bei Ägypten aufgetaucht hab, denn die Dauerwerbesendung von sonnenklar.tv, die Reisen anbietet habe ich mir nicht angeguckt, aber vielleicht tauchte das Wort Ägypten dann dort doch mal auf.

Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gab es auch keine Unterbrechung, aber Sonderberichte – wobei beim ZDF ein unnötiger Schwerpunkt auf den Tourismus gelegt wurde. Und ob man Phoenix Vorwürfe machen kann, weiß ich nicht. Der Sender ist wahrscheinlich aus politischer “Rücksichtnahme” auf die Privatsender auch nur als “Ereignissender” bezeichnet worden. Ein wirklicher Nachrichtensender ist – so zumindest eine Einschätzung im netplanet Blog in einem sehr guten und lesenswerten Artikel zu dem Thema – wahrscheinlich von eben den Privaten bisher erfolgreich verhindert worden. Die meckern ja schon, wenn die Tagesschau ihre Sendungen per App aufs iPhone bringt.

Ich sage: Nehmt meine Gebühren und macht aus Phoenix ein vernünftiges Nachrichtenfernsehen. Die Privatsender hatten wirklich ihre Chance und nur weil ich Volksverblödung nicht zahlen muss (siehe normales Tagesprogramm bei RTL), heißt es ja nicht, dass nicht irgendjemand vernünftige Berichterstattung bringen kann. Wenn die lieber billige Dokumentationen als Füllmaterial zwischen Werbung und Dauerwerbesendungen nehmen, dann muss ein solcher Sender eben anders finanziert werden.

Ich hab kein Problem mit Al Jazeera oder CNN, ich verstehe Englisch, aber wieso man sich nicht auch in Deutschland einen vernünftigen Sender leisten kann, der zumindest ein wenig versucht in diese Richtung zu gehen, verstehe ich einfach nicht. Bei Inlandsberichten macht Phoenix das meist sehr gut, ich glaube, dass dies auch international gelingen könnte. Und das man dies auch finanziert bekommt und wie es geht, kann man ja auch in dem oben gelobten Artikel nachlesen.

Einen weiteren Artikel dazu hat Jens im Pottblog geschrieben, auch der ist sehr lesenswert. So und ich lasse Al Jazeera jetzt noch auf meinem iPhone etwas nebenbei laufen, während ich den Tag mit einer Folge Akte X ausklingen lasse :)

Obamas Kriege

image Heute habe ich das neuste Buch von Bob Woodward durchgelesen, in dem dieser sich mit “Obamas Kriegen” beschäftigt, womit nicht nur der “wirkliche” Kritik in Afghanistan gemeint ist, sondern auch der “Krieg” mit oder zwischen Militär und Beratern im eigenen Land. Woodward der zusammen mit Carl Bernstein den Watergate Skandal recherchierte gilt als einer der renommiertesten Journalisten der Vereinigten Staaten und dies erkennt man auch an dem Buch. An vielen Stellen bekommt man fast den Eindruck, Woodward habe bei den Besprechungen im Oval Office oder Situation Room dabei gesessen. Von daher bekommt man einen Einblick in die amerikanische Politik und diesen Konflikt zwischen Militär und politischer Führung im ersten Jahr der Präsidentschaft von Obama.

Kern war dabei die Frage nach der Strategie und die Anzahl der dafür benötigten Soldaten. Kernbegriffe dabei sind die Aufstandsbekämpfung (die eine hohe Präsenz zum Schutz der Bevölkerung benötigt) und die Terrorbekämpfung (nach der man mit Spezialkräften gezielt gegen Terrorcamps vorgeht). Auch die Frage, was ein “Sieg” oder “Erfolg” ist, spielt dabei eine Rolle.

Während die Militärs eigentlich nur eine wirkliche Option – 40.000 Soldaten auf unbestimmte Zeit – zur Aufstandsbekämpfung haben wollten, ging es Obama vor allem auch um die Frage, wie man diesen Krieg so beenden kann, dass die afghanische Seite selber für die Sicherheit sorgen kann. Dabei geht es dann nicht mehr um eine schwer vorstellbare Vernichtung der Taliban, als viel mehr eine “Eindämmung”, die eine Machtübernahme durch diese unmöglich macht. Dies führte dann über einen langen Weg, viele Diskussionen und interne Konflikte zu dem Strategiepapier von Obama, nachdem 30.000 Soldaten geschickt werden, um die Dynamik der Taliban zu stoppen.

Neben diesem internen Konflikt wird aber auch deutlich, welche Probleme die afghanische und pakistanische Regierung einer Lösung des Konfliktes dienen und wie ratlos auch die Vereinigten Staaten dort stehen.

Man bekommt beim Lesen also einen interessanten Einblick in die Politik der USA. Der Krieg spielt natürlich seine Rolle, aber man kommt nach dem Lesen einer eigenen Lösung nicht wirklich näher. Im Gegenteil: Es scheint eher so, als ob die handelnden Personen in der USA selber einem Erfolg bis zum Juli – dann soll der Rückzug eingeleitet werden – skeptisch gegenüber stehen. Aber der Fokus des Buches liegt eher darin, die Entscheidungsprozesse in den USA und Beziehungen zwischen den verschiedenen zivielen und militärischen Beratern darzustellen. Dazu ist dieses Buch wirklich interessant geschrieben und wer wissen will, wie die Amerikaner über diesen Konflikt denken und wie sie “ticken”, sollte es gelesen haben.

Hier kann man es bei Amazon kaufen und hier auch erstmal einen Blick in das Buch werfen

Koranverbrennung

Es ist eine ungeheuerliche Provokation, die der Pastor Terry Jones für den 11. September plant: In Gainesville in Florida wird er Korane verbrennen. Es geht mir bei der Kritik nichtmal in erster Linie, um mögliche Reaktionen aus der islamischen Welt und der Angst vor irgendwelchen Reaktionen. Nein, das Problem ist grundlegender. Man macht soetwas einfach nicht. Ob nun Koran, Bibel, das Grundgesetz oder “Pippi in Taka-Tuka-Land”. Man verbrennt nicht einfach Bücher.

In einem Bericht über die Verbrennung hatte ich gehört, dass er sich damit rechtfertigt, dass er sich durch das Verbrennen von Bibeln oder amerikanischen Flaggen ja auch provoziert fühle. Damit aggiert Terry Jones offensichtlich eher nach dem Motto “Auge um Auge. Zahn um Zahn”, anstatt dem Motto zu folgen “Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin”. Das ist nicht wörtlich gemeint nach dem Motto “Hier nimm diese Fahne doch auch noch” oder  als “Kapitulation” gegenüber der Provokation, sondern zeugt eher von einem Charakter der Gelassenheit.

Besonders oft höre ich ähnliche Argumentationen in Zusammenhang mit der Religionsfreiheit. “Du kannst ja mal versuchen in der Türkei eine Kirche zu bauen” ist ein beliebtes “Argument” im Bezug auf die Ablehnung von Moscheebauten in Deutschland. Als wenn wir die Freiheiten in unserem Land und die Menschenrechte davon abhängig machen, wie sie in anderen Ländern sind. Wenn andere Länder die Religionsfreiheit nicht achten, ist das doch kein Grund sie auch zu vernachlässigen. Denn wo soll soetwas ändern? Steinigen wir dann auch bald Menschen, weil “die” das doch auch machen?

Gut, zum Thema zurück. Jones beruft sich ja auf eine Freiheit, die Meinungsfreiheit und zu der gehört es offensichtlich auch Bücher zu verbrennen – als politische Aktion. Mag sein, dass dies so ist. Ich denke ein “Bücherverbrennungsverbotsgesetz” wäre auch überflüssig, aber zur Freiheit gehört auch Moral und ein verantwortungsvoller Umgang damit. Seine Aktion zeigt eins ganz definitiv nicht: Respekt vor anderen Meinungen und Weltanschauungen.

Und eigentlich ist es nicht nur mangelnder Respekt. Es ist eine Missachtung, ja eine Abscheu gegen diese Meinung. Und irgendwie greift dann auch dieser alte Spruch von Heinrich Heine:

“Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.”

Und interessanterweise geht es bei diesem Zitat auch um die Verbrennung des Korans – vor über 500 Jahren. Wie wenig der Mensch offensichtlich aus seiner Geschichte gelernt hat. Auch das Christentum hat eben noch ihre Fundamentalisten, die im Kopf noch immer im tiefsten Mittelalter stecken…

Wüstenblume

Direkt am Abend der Bundestagswahl hatte ich noch das Vergnügen mit zwei guten Freundinnen in die Spätvorstellung von Wüstenblume zu kommen. Zunächst hatte ich den Film schicksalshafterweise mit Feuerherz verwechselt, also war von einem Film über Kindersoldaten ausgegangen. Ob meine beiden Begleiterinnen mich nun bewusst in dem Fehlglauben ließen, sei mal dahin gestellt, aber als ich herausbekam, um was es in dem Film wirklich ging, waren die Karten gekauft und mein Pfirsichsaft in der Kinobar auch fast ausgetrunken. Vielleicht war es aber auch ganz gut so, denn Wüstenblume dreht sich auch um das Schicksal vieler Kinder in Afrika, genauer um das von Mädchen, denn es geht um die Genitalverstümmelung ((Ich verwende die gleichen Begriffe wie von terre de femmes vorgeschlagen, werde hier im Artikel deshalb immer von Genitalverstümmelung sprechen und nicht von Beschneidung, da dies das Ausmaß der Tat deutlicher macht. Eine Beschneidung wird womöglich der bei Männern zu schnell gleichgesetzt und dadurch verharmlost. Gegenüber Opfern sollte dennoch dieser Begriff benutzt werden, denn als verstümmelt sollte man diese dennoch nicht bezeichnen.)) derselben, die vor allem dort aber auch in anderen Teilen der Welt geschieht.

Wahrscheinlich hätte ich mir den Film ohne diesen Irrtum und ohne meine Begleiterinnen nicht angesehen. Warum kann ich nichtmal genau sagen, das Thema hatte mich vorher nicht wirklich interessiert. Es wäre vermessen zu behaupten der Film hätte nun alles geändert, aber ein wenig mitfühlender, was dieses Thema angeht bin ich dann doch geworden. Aber vielleicht kurz erstmal worum es geht:

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch Wüstenblume von Waris Diries, in dem diese ihren Weg von der somalischen Steppe bis zum weltberühmten Starmodell darstellt. Dies alleine erscheint einem oft schon wie ein Märchen und voller glücklicher Zufälle getragen, aber hinter allem liegt der Schatten eben der Beschneidung mit drei Jahren, die sie schließlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in einem Interview publik macht und damit das Thema der öffentlichen Diskussion aussetzt.

Wie schon gesagt: Es ist oft wie ein großes Märchen: Die Flucht aus Somalia gelingt nur, weil die Großmutter jemanden in London kennt, dort lernt Waris die Lebenskünstlerin Marilyn kennen und schließlich wird sie in einem Fastfood Restaurant als Modell entdeckt. Manche Geschichten schreibt das Leben eben doch selbst. Immer wieder wird in diese Geschichte jedoch der dunkle Schatten der Vergangenheit eingepflegt, ob nun beim Flirt in der Disco, als sie Marilyn beim Sex überrascht oder eben ganz konkret, als sie unter Schmerzen leidend ins Krankenhaus geht. Und als schließlich das Interview aufkam hoffte ich nur, dass es bei der Erzählung bleibt und einem der Rückblick erspart bleibt. Aber der Film hätte seine Wirkung verfehlt, würde er diesen Zeitsprung nicht machen und das Gesicht des leidenden Kindes überspringen. Die ganzen im Film deutlich werdenden Folgen dieses Verbrechens an kleinen Mädchen haben in dieser Szene ihren Ursprung.

Im Prinzip ist dies auch der Wendepunkt ihres Lebens wenn man es so will. “Die Genitalverstümmelte” sei ihr Job geworden, so ihr Manager. Ein ziemlich harter und unangenehmer Job, wie man auch in einem Interview für die Brigitte nachlesen kann:

Ich habe es so satt, darüber zu sprechen. Ich mache das nicht zum Vergnügen, es ist nicht leicht sich immer wieder vor Menschen zu stellen und diese sehr persönliche Geschichte zu erzählen. Es ist anstrengend, und es wird mit der Zeit auch langweilig. Es geht hier nicht um meinen persönlichen Kampf, deshalb macht es mich wütend, wenn Leute mir zurufen: "Viel Glück, was du machst ist großartig." Als wäre ich alleine für die Bekämpfung von Genitalverstümmelung verantwortlich.

Und auch wenn ich den Film zu Beginn ein wenig als Märchen – von armen somalischen Flüchtling zum Top-Modell – bezeichnet habe, darf man diesen Hintergrund nicht vergessen. Und vor allem nicht, dass sie damit symbolisch für die Mädchen in der Welt stehen, die diesen Weg nicht gehen können.

Clinton in Nordkorea

Es ist doch schon ein bedeutender Schritt im Nordkorea-Konflikt: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton ist heute in Nordkorea angekommen, um dort über die Freilassung zweier amerkanischer Journalisten zu verhandeln. Nach Madeleine Albright, die als Außenministerin das Land 2000 zuletzt besuche der erste hochrangige Besuch eines US-Politikers. Und auch aus anderem Grund ist der Besuch etwas besonderes. Clinton hatte im Rahmen des Konflikts 1994 überlegt die Atomanlagen zu bombardieren, bis unter Mitwirkung des Ex-Präsidenten Jimmy Carter eine Lösung des Konflikts in Reichweite kam. 2000 war die Einigung und die Verbesserung der Beziehungen sogar so weit vorangegangen, dass Clinton überlegt hatte, als Präsident dorthin zu reisen, es aber aufgrund der innenpolitischen Lage und dem Wahlkampf vermieden hatte. Nordkorea gilt in weiten Teilen der USA eben noch als dienstältester Feind, ist der Koreakrieg doch formell noch nicht beendet, sondern nur im Waffenstillstand geendet. Bei Bush landete das Land dann schnell auf der Liste der “Schurkenstaaten”, was eine Einigung sicherlich nicht erleichterte. Ob Clintons Besuch erfolgreich ist, wird die Zeit zeigen, dennoch ist diese hochkarätige Reise durchaus ein positives Signal und ein entgegenkommen der USA gegenüber Nordkorea, welches international zunehmend isoliert ist.